Wissenschaftliche Grundlagen und weiterführende Literatur

Die Inhalte dieser Website basieren auf unterschiedlichen wissenschaftlichen, theoretischen und professionsbezogenen Perspektiven. Dazu gehören insbesondere Disability Studies, Modelle von Behinderung und Teilhabe, Forschung zu Ableismus, Diskriminierung und gesellschaftlicher Normativität, Occupational Science und Occupational Justice, umwelt- und betätigungsbezogene Modelle, das Neurodiversitätsparadigma sowie intersektionale, queerwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Perspektiven.

Die nachfolgende Literatur bildet zugleich einen theoretischen Bezugsrahmen für die auf dieser Website dargestellten Überlegungen. Nicht jede Quelle begründet dabei unmittelbar eine einzelne Aussage oder ein bestimmtes Modell. Vielmehr entstehen die dargestellten Positionen teilweise aus der Verbindung und Weiterentwicklung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven.

Behinderung und Disability Studies

Behinderung kann aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven verstanden werden. Während individualisierende und medizinische Modelle Behinderung primär innerhalb einer Person verorten, richten soziale, relationale und menschenrechtliche Ansätze den Blick stärker auf die Wechselwirkungen zwischen individuellen Voraussetzungen, Umweltbedingungen, gesellschaftlichen Strukturen und Möglichkeiten zur Teilhabe.

Das Social Model of Disability war hierbei ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Verschiebung des Blicks von individuellen Beeinträchtigungen hin zu gesellschaftlich erzeugten Barrieren. Relationale und weitere zeitgenössische Ansätze erweitern diese Perspektive, indem sie Behinderung weder ausschließlich innerhalb der Person noch ausschließlich innerhalb der Umwelt verorten.

Literatur

Barnes, C. (1991). Disabled People in Britain and Discrimination: A Case for Anti-Discrimination Legislation. Hurst.

Garland-Thomson, R. (2011). Misfits: A feminist materialist disability concept. Hypatia, 26(3), 591–609.

Goodley, D. (2014). Dis/ability Studies: Theorising Disablism and Ableism. Routledge.

Oliver, M. (1990). The Politics of Disablement. Macmillan.

Oliver, M. (2013). The social model of disability: Thirty years on. Disability & Society, 28(7), 1024–1026.

Shakespeare, T. (2014). Disability Rights and Wrongs Revisited (2nd ed.). Routledge.

Thomas, C. (1999). Female Forms: Experiencing and Understanding Disability. Open University Press.

Union of the Physically Impaired Against Segregation (UPIAS). (1976). Fundamental Principles of Disability.

United Nations. (2006). Convention on the Rights of Persons with Disabilities.

World Health Organization. (2001). International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF).

Umwelt, Passung und Wechselwirkung

Ob Menschen handeln und teilhaben können, lässt sich nicht unabhängig von ihren jeweiligen Lebensbedingungen betrachten. Umweltbedingungen können Ressourcen bereitstellen, Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder Barrieren erzeugen.

Relationale, ökologische und transaktionale Perspektiven untersuchen deshalb nicht allein Eigenschaften einer Person oder einer Umwelt, sondern insbesondere deren Passung und Wechselwirkung.

In der Ergotherapie wird diese Perspektive unter anderem durch Modelle aufgegriffen, die Person, Umwelt und Betätigung nicht isoliert, sondern in ihrer dynamischen Beziehung zueinander betrachten.

Literatur

Garland-Thomson, R. (2011). Misfits: A feminist materialist disability concept. Hypatia, 26(3), 591–609.

Law, M., Cooper, B., Strong, S., Stewart, D., Rigby, P., & Letts, L. (1996). The Person-Environment-Occupation Model: A transactive approach to occupational performance. Canadian Journal of Occupational Therapy, 63(1), 9–23.

Lawton, M. P., & Nahemow, L. (1973). Ecology and the aging process. In C. Eisdorfer & M. P. Lawton (Eds.), The Psychology of Adult Development and Aging. American Psychological Association.

World Health Organization. (2001). International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF).

United Nations. (2006). Convention on the Rights of Persons with Disabilities.

Ableismus, Normativität und Diskriminierung

Ableismus bezeichnet nicht ausschließlich offene Diskriminierung behinderter Menschen. Ableistische Strukturen können auch dort entstehen, wo bestimmte körperliche, kognitive, psychische oder kommunikative Eigenschaften als selbstverständlich, normal oder erstrebenswert vorausgesetzt werden und Abweichungen hiervon hierarchisch bewertet werden.

Damit verbunden ist die Frage, wie gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Abweichung entstehen. Statistische Häufigkeit, gesellschaftliche Normalität und gesundheitliche Bewertung sind dabei nicht identisch. Kategorien können Orientierung und wissenschaftliche Beschreibung ermöglichen, zugleich jedoch Prozesse der Pathologisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung begünstigen.

Literatur

Campbell, F. K. (2009). Contours of Ableism: The Production of Disability and Abledness. Palgrave Macmillan.

Canguilhem, G. (1991). The Normal and the Pathological. Zone Books.

Conrad, P. (2007). The Medicalization of Society: On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Johns Hopkins University Press.

Davis, L. J. (1995). Enforcing Normalcy: Disability, Deafness, and the Body. Verso.

Goodley, D. (2014). Dis/ability Studies: Theorising Disablism and Ableism. Routledge.

Link, B. G., & Phelan, J. C. (2001). Conceptualizing stigma. Annual Review of Sociology, 27, 363–385.

Wolbring, G. (2008). The politics of ableism. Development, 51, 252–258.

Othering, Ausschließung und Normalisierung

Gesellschaftliche Normen entstehen nicht allein dadurch, dass bestimmte Eigenschaften als häufig oder typisch beschrieben werden. Sie können ebenso durch die Abgrenzung gegenüber demjenigen stabilisiert werden, das als anders, fremd, krank oder abweichend markiert wird.

Michel Foucault untersuchte historische Formen gesellschaftlicher Ausschließung und Normalisierung unter anderem anhand der gesellschaftlichen Reaktionen auf Lepra, Pest und Wahnsinn. Das Bild der Lepra steht dabei für einen Mechanismus der Ausschließung und Trennung, während die Pest als Ausgangspunkt für Mechanismen der Beobachtung, Klassifikation und Disziplinierung dient.

Diese Perspektiven sind für die Auseinandersetzung mit Othering, Pathologisierung und Normalitätsvorstellungen relevant, weil sie verdeutlichen, dass die Kategorie des „Abweichenden“ nicht unabhängig von gesellschaftlichen Macht- und Ordnungssystemen entsteht.

Literatur

Foucault, M. (1965). Madness and Civilization: A History of Insanity in the Age of Reason. Pantheon Books.

Foucault, M. (1977). Discipline and Punish: The Birth of the Prison. Pantheon Books.

Goffman, E. (1963). Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity. Prentice-Hall.

Link, B. G., & Phelan, J. C. (2001). Conceptualizing stigma. Annual Review of Sociology, 27, 363–385.

Teilhabe, Betätigung und Occupational Justice

Teilhabe umfasst mehr als die bloße Anwesenheit in gesellschaftlichen Räumen. Menschen benötigen reale Möglichkeiten, bedeutsame Betätigungen auszuführen, Rollen einzunehmen, Beziehungen zu gestalten und Einfluss auf das eigene Leben zu nehmen.

Die Occupational-Justice-Perspektive untersucht, wie gesellschaftliche Bedingungen den Zugang zu bedeutsamer Betätigung ermöglichen oder einschränken. Konzepte wie Occupational Deprivation, Occupational Marginalization, Occupational Alienation und Occupational Imbalance beschreiben unterschiedliche Formen betätigungsbezogener Ungerechtigkeit.

Damit wird Betätigung nicht ausschließlich als individuelles therapeutisches Mittel verstanden, sondern auch als eine Frage von Rechten, Ressourcen, Macht und gesellschaftlicher Teilhabe.

Literatur

Durocher, E., Gibson, B. E., & Rappolt, S. (2014). Occupational justice: A conceptual review. Journal of Occupational Science, 21(4), 418–430.

Hammell, K. W. (2015). Quality of life, participation and occupational rights: A capabilities perspective. Australian Occupational Therapy Journal, 62(2), 78–85.

Kronenberg, F., Simó Algado, S., & Pollard, N. (Eds.). (2005). Occupational Therapy without Borders: Learning from the Spirit of Survivors. Elsevier.

Townsend, E., & Wilcock, A. A. (2004). Occupational justice and client-centred practice: A dialogue in progress. Canadian Journal of Occupational Therapy, 71(2), 75–87.

Whiteford, G. (2000). Occupational deprivation: Global challenge in the new millennium. British Journal of Occupational Therapy, 63(5), 200–204.

Wilcock, A. A., & Hocking, C. (2015). An Occupational Perspective of Health (3rd ed.). SLACK Incorporated.

Diversität und Neurodiversität

Das Neurodiversitätsparadigma betrachtet neurologische und kognitive Unterschiede als Bestandteil menschlicher Diversität. Es stellt damit nicht grundsätzlich in Frage, dass Menschen Beeinträchtigungen, Unterstützungsbedarfe oder gesundheitliche Belastungen erleben können. In Frage gestellt wird vielmehr die Annahme, dass Abweichung von einer neurologischen Norm für sich genommen bereits eine minderwertige oder grundsätzlich zu korrigierende Form menschlichen Seins darstellt.

Neurodiversität bildet auf dieser Website einen Anwendungs- und Reflexionsbereich innerhalb einer umfassenderen Auseinandersetzung mit Diversität, Divergenz, Behinderung und Teilhabe.

Literatur

Chapman, R. (2023). Empire of Normality: Neurodiversity and Capitalism. Pluto Press.

Chapman, R., & Carel, H. (2022). Neurodiversity, epistemic injustice, and the good human life. Journal of Social Philosophy, 53(4), 614–631.

den Houting, J. (2019). Neurodiversity: An insider’s perspective. Autism, 23(2), 271–273.

Kapp, S. K. (Ed.). (2020). Autistic Community and the Neurodiversity Movement: Stories from the Frontline. Palgrave Macmillan.

Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: The “double empathy problem.” Disability & Society, 27(6), 883–887.

Singer, J. (1999). Why can’t you be normal for once in your life? From a “problem with no name” to the emergence of a new category of difference. In M. Corker & S. French (Eds.), Disability Discourse. Open University Press.

Walker, N. (2021). Neuroqueer Heresies: Notes on the Neurodiversity Paradigm, Autistic Empowerment, and Postnormal Possibilities. Autonomous Press.

Intersektionalität, Queerness und gesellschaftliche Positionierung

Menschen sind nicht ausschließlich entlang einer einzelnen sozialen Kategorie positioniert. Behinderung, Neurodivergenz, Geschlecht, Sexualität, Rassifizierung, soziale Herkunft und weitere gesellschaftliche Kategorien können sich überschneiden und Erfahrungen von Privilegierung, Marginalisierung und Diskriminierung verändern.

Intersektionale Perspektiven ermöglichen deshalb eine Analyse, die soziale Kategorien weder isoliert betrachtet noch unterschiedliche Diskriminierungsformen lediglich addiert.

Literatur

Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex: A Black feminist critique of antidiscrimination doctrine, feminist theory and antiracist politics. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167.

Fricker, M. (2007). Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford University Press.

Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations: Conceptual issues and research evidence. Psychological Bulletin, 129(5), 674–697.

Wissen, Perspektivität und Objektivität

Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht nicht unabhängig davon, welche Fragen gestellt, welche Kategorien verwendet, welche Gruppen untersucht und welche Erfahrungen als relevantes Wissen anerkannt werden.

Die Reflexion der eigenen Perspektive bedeutet dabei nicht den Verzicht auf wissenschaftliche Objektivität. Vielmehr ermöglicht sie, Voraussetzungen, Begrenzungen und mögliche Verzerrungen wissenschaftlicher und professioneller Erkenntnis sichtbar zu machen.

Konzepte wie situated knowledge und epistemische Ungerechtigkeit untersuchen unter anderem, wie soziale Positionierung und Macht beeinflussen können, wessen Erfahrungen als glaubwürdig und wessen Wissen als relevant anerkannt werden.

Literatur

Fricker, M. (2007). Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford University Press.

Haraway, D. (1988). Situated knowledges: The science question in feminism and the privilege of partial perspective. Feminist Studies, 14(3), 575–599.

Harding, S. (1991). Whose Science? Whose Knowledge? Thinking from Women’s Lives. Cornell University Press.

Personenzentrierung, professionelle Praxis und therapeutisches Handeln

Professionelles Handeln findet nicht außerhalb gesellschaftlicher Normen und Machtverhältnisse statt. Diagnostische Kategorien, institutionelle Routinen, therapeutische Zielsetzungen und Vorstellungen von Gesundheit und Selbstständigkeit können Teilhabe ermöglichen, zugleich jedoch normative Erwartungen reproduzieren.

Personenzentrierte und betätigungsorientierte Praxis setzt deshalb voraus, die Perspektiven, Ziele, Lebensrealitäten und bedeutsamen Betätigungen eines Menschen in Entscheidungen einzubeziehen und professionelle Deutungsmacht kritisch zu reflektieren.

Literatur

Law, M., Baptiste, S., & Mills, J. (1995). Client-centred practice: What does it mean and does it make a difference? Canadian Journal of Occupational Therapy, 62(5), 250–257.

Law, M. et al. (1996). The Person-Environment-Occupation Model: A transactive approach to occupational performance. Canadian Journal of Occupational Therapy, 63(1), 9–23.

Townsend, E., & Wilcock, A. A. (2004). Occupational justice and client-centred practice: A dialogue in progress. Canadian Journal of Occupational Therapy, 71(2), 75–87.

World Health Organization. (2001). International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF).

Theoretische Bezugslinien von TDA und ART

Das Teilhabeorientierte Divergenz- und Ableismusmodell (TDA) und das ART Framework – The Art of Enabling Participation sind eigenständig entwickelte Modelle.

Ihre Entwicklung und theoretische Einordnung stehen zugleich in Beziehung zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionslinien. Dazu gehören insbesondere Disability Studies, soziale und relationale Modelle von Behinderung, umwelt- und betätigungsbezogene Perspektiven, Occupational Science und Occupational Justice sowie Forschung zu Ableismus, Normativität, Diversität, Diskriminierung und Teilhabe.

Die in diesem Literaturverzeichnis aufgeführten Arbeiten sind daher als wissenschaftliche und theoretische Bezugslinien zu verstehen. Sie stellen weder den Ursprung der Modelle dar noch bedeutet ihre Aufnahme, dass einzelne bestehende Theorien mit TDA oder ART gleichgesetzt werden können.

TDA und ART verfolgen vielmehr eine eigenständige theoretische Systematisierung der Frage, unter welchen Bedingungen menschliche Divergenz zu Behinderung und Belastung führen kann beziehungsweise authentische Teilhabe ermöglicht wird.