Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell
TDA-Modell

Abbildung 1: TDA-Modell – Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell (Schwarz, 2026). Eigene Darstellung.
TDA-Modell – Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell
Kurzüberblick
Das TDA-Modell – Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell ist ein domänenübergreifendes, interaktionales Analyse- und Erklärungsmodell. Es untersucht, wie Divergenz, gesellschaftliche Normen, Umweltbedingungen, Betätigungsanforderungen, Barrieren, Behinderungs- und Belastungserfahrungen sowie gesellschaftliche Bewertungsprozesse und Ableismus dynamisch zusammenwirken.
Behinderung wird dabei relational als mögliches Ergebnis fehlender Passung zwischen Person, Umwelt und Betätigung innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes verstanden. Das Modell kann zur Analyse individueller Lebenslagen, konkreter Situationen, institutioneller Bedingungen und gesellschaftlicher Prozesse eingesetzt werden.
Es ist überall dort anschlussfähig, wo Teilhabe, Divergenz, Barrieren und Ableismus verstanden, reflektiert oder verändert werden sollen – unter anderem in Praxis, Bildung, Beratung, Forschung, Selbstvertretung, Organisationsentwicklung und gesellschaftspolitischen Kontexten.
Diversität, Divergenz und Referenzrahmen
Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer körperlichen, neurologischen, kognitiven, sensorischen, kommunikativen, psychischen, identitätsbezogenen, kulturellen, sozialen und biografischen Merkmale sowie ihrer Verhaltensweisen, Interessen, Ausdrucksformen und Lebensentwürfe. Die Gesamtheit dieser Unterschiede wird im TDA-Modell als Diversität bezeichnet.
Divergenz bezeichnet im TDA-Modell eine Abweichung von einem im jeweiligen Kontext wirksamen Referenzrahmen. Dieser Referenzrahmen kann auf statistischer Häufigkeit, gesellschaftlichen Erwartungen, kulturellen Normen, medizinischen Klassifikationen, rechtlichen Vorgaben oder institutionellen Anforderungen beruhen.
Divergenz ist zunächst eine beschreibende und wertneutrale Feststellung. Sie ist weder mit einem Defizit noch automatisch mit Krankheit, Störung, Beeinträchtigung oder Behinderung gleichzusetzen. Ihre Bedeutung ergibt sich erst im jeweiligen Kontext und im Zusammenspiel mit Umweltbedingungen, Betätigungsanforderungen, vorhandenen Ressourcen, Barrieren und gesellschaftlicher Bewertung.
Eine Divergenz kann körperliche, neurologische, kognitive, sensorische, kommunikative, psychische, identitätsbezogene, kulturelle, soziale oder biografische Merkmale und Ausprägungen betreffen. Ebenso können Verhaltensweisen, Interessen, Ausdrucksformen, Beziehungen und Lebensentwürfe von wirksamen Referenzrahmen abweichen.
Neurodivergenz ist damit eine mögliche Form von Divergenz, aber nicht der alleinige Gegenstand des TDA-Modells.
Das Modell kann ebenso auf körperliche, gesundheitliche, sensorische, kommunikative, geschlechtliche, sexuelle, romantische, kulturelle, soziale oder biografische Divergenzen bezogen werden.
Normen und gesellschaftliche Bewertung
Normen und Referenzrahmen helfen dabei, komplexe Wirklichkeit einzuordnen. Sie beeinflussen, welche Körper, Fähigkeiten, Kommunikationsformen, Beziehungen, Lebensentwürfe und Betätigungen als üblich, passend, gesund, leistungsfähig, angemessen oder erwünscht gelten.
Sie entstehen und verändern sich unter anderem durch:
- gesellschaftliche Mehrheits- und Machtverhältnisse,
- kulturelle Traditionen,
- politische Entscheidungen,
- wissenschaftliche Klassifikationen,
- medizinische Systeme,
- wirtschaftliche und kapitalistische Leistungsanforderungen,
- rechtliche Regelungen,
- institutionelle Routinen,
- mediale Darstellungen,
- historische Entwicklungen.
Normen sind keine neutralen Naturgesetze. Sie sind gesellschaftlich hervorgebrachte und veränderbare Orientierungs- und Bewertungsrahmen.
Statistisch häufig bedeutet nicht automatisch besser. Statistisch selten bedeutet nicht automatisch gestört.
Ebenso ist eine gesellschaftlich dominante Norm nicht zwangsläufig repräsentativ für die Mehrheit der Bevölkerung. Weibliche Körper sind beispielsweise statistisch keine Ausnahme, wurden aber in Teilen medizinischer Forschung und Versorgung lange nicht als gleichwertiger Referenzkörper berücksichtigt. Nonbinäre, intergeschlechtliche und trans Personen können zusätzlich auf institutionelle Strukturen treffen, die von binären Geschlechterannahmen ausgehen.
Divergenz beschreibt daher nicht ausschließlich numerische Seltenheit. Sie kann ebenso eine Abweichung von einem institutionell privilegierten Referenzkörper, einer gesellschaftlich vorausgesetzten Lebensform oder einer dominanten sozialen Norm bezeichnen.
Statistische Häufigkeit und Normalverteilung
Die gaußsche Normalverteilung kann als vereinfachte Orientierung dienen, um häufige und seltenere Merkmalsausprägungen innerhalb einer untersuchten Gruppe darzustellen.
Das TDA-Modell setzt Divergenz jedoch nicht mit einem bestimmten mathematischen Grenzwert gleich. Viele menschliche Merkmale sind mehrdimensional, kategorial, kontextabhängig, veränderlich oder nur begrenzt messbar. Zudem können institutionell oder gesellschaftlich dominante Normen von statistischen Mehrheitsverhältnissen abweichen.
Die Normalverteilung veranschaulicht deshalb lediglich, dass Eigenschaften unterschiedlich häufig vorkommen können. Aus ihrer statistischen Häufigkeit folgt keine automatische Bewertung als gesund, gestört, wertvoll oder minderwertig.
Graduelle und kontextabhängige Divergenz
Divergenz ist nicht immer gleich stark ausgeprägt, gleich sichtbar oder gesellschaftlich gleich folgenreich.
Ausmaß, Sichtbarkeit, Erkennbarkeit, Diagnose und Teilhaberelevanz sind nicht identisch.
Eine Divergenz kann:
- sichtbar oder unsichtbar sein,
- dauerhaft oder veränderlich sein,
- medizinisch relevant oder ohne Krankheitswert sein,
- belastend, bereichernd oder neutral sein,
- in einem Kontext kaum auffallen,
- in einem anderen Kontext deutliche Nichtpassung erzeugen,
- kompensiert, kaschiert oder nach außen wenig erkennbar sein,
- gesellschaftlich stark markiert werden, obwohl sie statistisch nicht selten ist.
Das TDA-Modell verwendet deshalb keine starre Grenze zwischen „normal“ und „divergent“. Es betrachtet vielmehr:
- den jeweils wirksamen Referenzrahmen,
- den Abstand zu diesem Referenzrahmen,
- die Kontextabhängigkeit,
- die gesellschaftliche Wahrnehmung,
- vorhandene Ressourcen,
- die Passung zwischen Person, Umwelt und Betätigung,
- die Folgen für Teilhabe.
Eine Eigenschaft kann in einem Kontext kaum auffallen und in einem anderen zu deutlicher Nichtpassung, Sanktionierung oder eingeschränkter Teilhabe führen.
Verminderter direkter Blickkontakt kann beispielsweise in einem Umfeld als Desinteresse oder soziale Auffälligkeit interpretiert werden, während er in einem anderen kulturellen oder sozialen Kontext als respektvoll oder angemessen gilt.
Ebenso kann ein Verhalten, das von dominanten Geschlechternormen abweicht, in einem offenen Umfeld selbstverständlich sein und in einem konservativ geprägten Umfeld korrigiert oder sanktioniert werden.
Nicht allein die Eigenschaft bestimmt daher ihre gesellschaftliche Bedeutung. Entscheidend sind auch der jeweils wirksame Referenzrahmen, die Reaktion der Umwelt und die daraus entstehenden Folgen für Teilhabe.
Entstehungsebenen von Divergenz
Das TDA-Modell unterscheidet verschiedene Entstehungsebenen von Divergenz. Diese Ebenen können gleichzeitig vorliegen und sich gegenseitig beeinflussen.
Primäre Divergenz
Primäre Divergenzen sind angeborene oder früh entstandene Ausgangsdivergenzen.
Dazu können unter anderem körperliche, neurologische, sensorische, intellektuelle, geschlechtliche, sexuelle oder andere früh bestehende Merkmale gehören.
Beispiele können Autismus, intergeschlechtliche Körpermerkmale, angeborene körperliche Unterschiede oder früh erkennbare sensorische Besonderheiten sein.
Sekundäre Divergenz
Sekundäre Divergenzen entstehen später im Lebensverlauf, beispielsweise durch:
- Erkrankungen,
- Unfälle,
- Verletzungen,
- Lebensereignisse,
- Schwangerschaft und Geburt,
- psychische Belastungen,
- chronische Erkrankungen,
- Alterungsprozesse,
- andere Veränderungen des Körpers oder der Lebenssituation.
Sie können zusätzlich zu bereits bestehenden primären Divergenzen auftreten und neue Passungs- und Teilhabefragen erzeugen.
Gesellschaftlich induzierte Folge-Divergenz
Gesellschaftlich induzierte Folge-Divergenzen sind Veränderungen, deren Entstehung wesentlich durch chronische Barrieren, Anpassungsdruck, Ausschluss, Ableismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Misogynie, Klassismus, Ageismus oder andere Diskriminierungs- und Minderheitenstresserfahrungen mitgeprägt wird.
Dazu können unter anderem gehören:
- Burnout,
- Autistic Burnout,
- depressive Entwicklungen,
- Angst,
- chronische Erschöpfung,
- körperliche Stressfolgen,
- sozialer Rückzug,
- verringerte Selbstsicherheit,
- der Verlust früherer Handlungsmöglichkeiten.
Diese Folgen verändern die Ausgangslage einer Person. Sie treffen erneut auf gesellschaftliche Normen, Umweltbedingungen und Betätigungsanforderungen und können dadurch weitere Barrieren, neue Bewertungen und zusätzliche Behinderungserfahrungen erzeugen.
Aufbau und Dynamik des TDA-Modells
Das TDA-Modell beschreibt fünf miteinander verbundene Faktoren. Ihre Nummerierung dient der Orientierung innerhalb der Grafik und stellt keine zwingend chronologische Schrittfolge dar.
Die Faktoren können:
- gleichzeitig auftreten,
- sich zeitlich überlagern,
- in unterschiedlicher Reihenfolge wirksam werden,
- sich gegenseitig verstärken oder abschwächen,
- wiederholt aufeinander zurückwirken.
Die Pfeile der Grafik markieren deshalb keinen linearen Ursache-Wirkungs-Ablauf, sondern einen möglichen Analyseweg innerhalb eines dynamischen Rückkopplungssystems.
Jede Veränderung an einer Stelle kann auf andere Bereiche zurückwirken – positiv oder negativ.
Die fünf Faktoren des TDA-Modells
Faktor 1: Gesellschaftlicher Kontext
Jeder Mensch existiert innerhalb eines gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und historischen Kontextes.
Normen, Strukturen, Machtverhältnisse, Kultur, Geschichte, Recht, Medizin, Bildung, Arbeitswelt, wirtschaftliche Anforderungen und gesellschaftliche Entwicklungen prägen, was als normal, passend, gesund, produktiv oder zugehörig gilt.
Sie beeinflussen unter anderem:
- wer Zugang erhält,
- wer als glaubwürdig gilt,
- welche Bedürfnisse anerkannt werden,
- welche Körper und Lebensweisen mitgedacht werden,
- wer Unterstützung bekommt,
- wer seine Teilhabeberechtigung zunächst beweisen muss.
Gesellschaftliche Normen können sich verändern. Sie bleiben jedoch wirkmächtig, solange sie in Institutionen, Routinen, Sprache, Technik, Architektur, Diagnostik, Gesetzen und sozialen Erwartungen fortgeführt werden.
Faktor 2: Fehlende Passung zwischen Person, Umwelt und Betätigung
Fehlende Passung entsteht, wenn Eigenschaften, Fähigkeiten, Bedürfnisse oder Ressourcen einer Person nicht ausreichend mit den Bedingungen einer Umwelt oder den Anforderungen einer konkreten Betätigung übereinstimmen.
Barrieren können beispielsweise entstehen durch:
- Reizüberflutung,
- fehlende räumliche Zugänglichkeit,
- unklare Regeln,
- starre Zeitstrukturen,
- Kommunikationsbarrieren,
- fehlende Mitbestimmung,
- Geschlechternormierung,
- Orientierung an Neuro- oder Körpernormativität,
- standardisierte Leistungserwartungen,
- fehlende Hilfsmittel,
- fehlende finanzielle Ressourcen,
- institutionelle Ausschlussmechanismen.
Eine Barriere liegt nicht ausschließlich in der Person oder ausschließlich in der Umwelt. Sie entsteht relational im konkreten Zusammenspiel von Person, Umwelt und Betätigung.
Dieselbe Eigenschaft kann daher in einer Situation kaum relevant und in einer anderen stark teilhabebehindernd sein.
Faktor 3: Behinderungs- und Belastungserfahrungen
Barrieren und fehlende Passung können zu Behinderungs- und Belastungserfahrungen führen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Überforderung,
- Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten,
- Ausschluss,
- verringerte Selbstbestimmung,
- erschwerter Zugang,
- soziale Isolation,
- Konflikte,
- gesundheitliche Belastung,
- verringerte gesellschaftliche Teilhabe.
Mögliche Folgen sind unter anderem:
- Erschöpfung,
- Überlastung,
- chronische Stressreaktionen,
- Überanpassung,
- Selbstzensur,
- Rückzug,
- verringerte Aktivität,
- Verlust von Selbstwirksamkeit,
- psychische oder körperliche Erkrankungen,
- gesellschaftlich induzierte Folge-Divergenzen.
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell kann hier einen ergänzenden Bezugspunkt darstellen. Anhaltende Belastungen können individuelle Ressourcen zunehmend beanspruchen und dadurch das Risiko gesundheitlicher Krisen erhöhen.
Behinderungserfahrungen sind nicht auf sichtbare körperliche Beeinträchtigungen begrenzt. Sie können überall entstehen, wo Teilhabe durch fehlende Passung, Barrieren oder gesellschaftliche Bedingungen erschwert oder verhindert wird.
Faktor 4: Gesellschaftliche Bewertungsprozesse und Ableismus
Divergenz und Behinderungserfahrungen werden gesellschaftlich bewertet.
Personen können aufgrund ihres Körpers, Verhaltens, Aussehens, ihrer Kommunikationsweise, Leistungsfähigkeit, Betätigungswahl, Unterstützungsbedarfe oder sozialen Position:
- abgewertet,
- ausgeschlossen,
- pathologisiert,
- unsichtbar gemacht,
- infantilisiert,
- bevormundet,
- romantisiert,
- idealisiert,
- unter Generalverdacht gestellt,
- für ihre eigene Benachteiligung verantwortlich gemacht werden.
Ableismus bezeichnet nicht nur offene Feindseligkeit gegenüber behinderten Menschen. Er zeigt sich auch in Einstellungen, Praktiken, institutionellen Routinen und strukturellen Machtverhältnissen, durch die bestimmte Körper, Fähigkeiten, Kommunikationsformen und Lebensweisen als weniger wertvoll, weniger glaubwürdig oder weniger teilhabeberechtigt behandelt werden.
Ableismus stabilisiert Barrieren und verlagert Verantwortung häufig auf die Person, anstatt Umweltbedingungen und gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen.
Typische Aussagen sind beispielsweise:
- „Die Person muss sich mehr anstrengen.“
- „Sie will nur Aufmerksamkeit.“
- „Andere schaffen es doch auch.“
- „Die Person ist zu empfindlich.“
- „Sie muss lernen, sich anzupassen.“
Belastungs- und Diskriminierungserfahrungen können dadurch invalidiert, bagatellisiert oder vollständig bestritten werden.
Eine weitere mögliche Folge ist epistemische Ungerechtigkeit. Sie liegt vor, wenn Menschen aufgrund gesellschaftlicher Vorurteile weniger Glaubwürdigkeit erhalten oder ihnen keine angemessenen Begriffe und Deutungsräume zur Verfügung stehen, um ihre Erfahrungen verständlich zu machen.
Lived Experience kann dadurch gegenüber professionellem, institutionellem oder gesellschaftlich dominantem Wissen abgewertet werden.
Neben Ableismus können weitere gesellschaftliche Diskriminierungs-, Normierungs- und Machtverhältnisse wirksam sein. Ihre konkrete Ausprägung ist kontextabhängig; sie können sich intersektional überlagern, gegenseitig verstärken und weitere Abwertungs-, Ausschluss- und Behinderungserfahrungen hervorbringen. Die Kategorie der gesellschaftlichen Bewertungsprozesse ist deshalb bewusst offen und umfasst unterschiedliche Formen von Diskriminierung, Normierung und Abwertung, ohne diese abschließend zu kategorisieren.
Faktor 5: Veränderte Ausgangslage und Rückkopplung
Die Folgen von Barrieren, Belastung und gesellschaftlicher Bewertung wirken auf die Person, ihre Umwelt und ihre zukünftigen Teilhabemöglichkeiten zurück.
Die Person kehrt nicht unverändert in den gesellschaftlichen Kontext zurück.
Ihre Ausgangslage kann sich verändert haben durch:
- Erschöpfung,
- neue Erkrankungen,
- gesellschaftlich induzierte Folge-Divergenzen,
- verringerte Ressourcen,
- veränderte Beziehungen,
- institutionelle Entscheidungen,
- Ausschluss,
- Stigmatisierung,
- neue Unterstützungsbedarfe,
- Empowerment,
- neue Gemeinschaften,
- verbesserte Selbstvertretung.
Eine autistische Person mit primärer Divergenz kann beispielsweise infolge anhaltender Barrieren und Anpassungsanforderungen zusätzlich einen Autistic Burnout entwickeln. Die zukünftige Ausgangslage umfasst dann nicht mehr nur die ursprüngliche Divergenz, sondern auch eine erworbene oder gesellschaftlich induzierte Folge-Divergenz.
Diese veränderte Ausgangslage trifft erneut auf gesellschaftliche Normen, Umweltbedingungen und Betätigungsanforderungen.
Dadurch kann sich der Kreislauf verschärfen. Er kann jedoch auch unterbrochen oder positiv verändert werden, wenn Barrieren abgebaut, Ressourcen gestärkt, Unterstützung ermöglicht und gesellschaftliche Bedingungen angepasst werden.
Verständnis von Behinderung
Behinderung wird im TDA-Modell relational verstanden.
Eine individuelle Divergenz führt nicht automatisch zu Behinderung. Behinderungserfahrungen können entstehen, wenn:
- zwischen Person, Umwelt und Betätigung keine ausreichende Passung besteht,
- notwendige Ressourcen fehlen,
- Anforderungen unflexibel bleiben,
- institutionelle Strukturen ausschließen,
- Barrieren wirken,
- Divergenz gesellschaftlich negativ bewertet wird.
Das Modell berücksichtigt angeborene und früh entstandene, später erworbene sowie gesellschaftlich mitverursachte Divergenzen und verbindet ihre Analyse mit Behinderungserfahrungen, Ableismus und Rückkopplungsprozessen.
Bedeutung für Analyse und Praxis
Das TDA-Modell lenkt den Blick weg von ausschließlich defizitorientierten Fragen wie:
- Was funktioniert an dieser Person nicht?
- Wie kann die Person normgerechter werden?
- Wie kann unerwünschtes Verhalten beendet werden?
- Warum passt sich die Person nicht besser an?
Stattdessen richtet es den Blick auf Fragen wie:
- Welche Divergenzen, Bedürfnisse und Ressourcen sind vorhanden?
- Welche Normen und Anforderungen wirken in dieser Situation?
- Wo fehlt Passung zwischen Person, Umwelt und Betätigung?
- Welche Barrieren und gesellschaftlichen Bewertungsprozesse beeinflussen Teilhabe?
- Welche Perspektiven der Person werden möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt?
- Welche Umwelt-, Betätigungs- oder Strukturveränderungen können Teilhabe ermöglichen?
- Welche Ressourcen, Schutzfaktoren und Gemeinschaften können gestärkt werden?
- Wie kann volle, wirksame und gleichberechtigte Teilhabe gefördert werden?
Ein Kind, das regelmäßig den Klassenraum verlässt, kann beispielsweise rein funktionalisierend als Person betrachtet werden, deren Verhalten beendet werden muss.
Eine Analyse mit dem TDA-Modell fragt zusätzlich:
- Welche Reizbelastung besteht?
- Welche Passung fehlt?
- Welche Kommunikations- und Regulationsmöglichkeiten stehen zur Verfügung?
- Welche schulischen und institutionellen Erwartungen wirken?
- Welche Umweltveränderungen sind notwendig?
- Wie wird das Verhalten gesellschaftlich oder institutionell bewertet?
Das Modell unterstützt dadurch eine teilhabeorientierte, diskriminierungssensible, divergenzaffirmative und ressourcenorientierte Perspektive.
Es fordert dazu auf, nicht ausschließlich die Person an bestehende Bedingungen anzupassen. Auch Umwelten, Betätigungen, Institutionen, professionelle Routinen und gesellschaftliche Strukturen müssen kritisch reflektiert und verändert werden.
Ansatzpunkte für Veränderung
Mögliche Ansatzpunkte sind:
- Perspektiven und Lived Experience ernst nehmen,
- Umweltbedingungen und Betätigungsanforderungen anpassen,
- Barrieren und Diskriminierung abbauen,
- verständliche Kommunikation ermöglichen,
- Zugang und Mitbestimmung schaffen,
- Selbstvertretung und Self-Advocacy stärken,
- Ressourcen, Gemeinschaften und Schutzräume fördern,
- institutionelle und gesellschaftliche Strukturen verändern.
Veränderung entsteht nicht ausschließlich durch individuelle Anpassung, sondern durch gemeinsames Handeln, den Abbau von Barrieren und die Stärkung gleichberechtigter Teilhabe.
Anwendungsfelder und Zielgruppen
Das TDA-Modell ist nicht auf ein einzelnes Fachgebiet begrenzt. Es kann unter anderem in folgenden Zusammenhängen eingesetzt werden:
- Gesundheit und Rehabilitation: Ergotherapie, Betätigungswissenschaft, Medizin, Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie, Pflege und Rehabilitation,
- Bildung und psychosoziale Praxis: Pädagogik, Schule, Soziale Arbeit, Beratung und berufliche Teilhabe,
- Organisationen und Institutionen: Konzeptentwicklung, Barrierefreiheit, Inklusion, Personal- und Organisationsentwicklung sowie Verwaltung,
- Gesellschaft und Politik: Antidiskriminierungsarbeit, Kultur- und Gesellschaftsanalyse, Selbstvertretung und politische Entscheidungsprozesse,
- Wissenschaft und Lehre: Forschung, Hochschullehre, Modellentwicklung und interprofessionelle Weiterbildung.
Divergenzaffirmative, diskriminierungssensible sowie queer- und transsensible Perspektiven können dabei als fachübergreifende Querschnittsaufgaben einbezogen werden.
Das Modell richtet sich an Fachpersonal, Teams, Institutionen, Organisationen sowie an Menschen mit eigener Behinderungs- und Diskriminierungserfahrung.
Es kann auch ohne fachlichen Hintergrund zur strukturierten Reflexion persönlicher, gemeinschaftlicher oder institutioneller Situationen genutzt werden.
Wissenschaftlicher Entwicklungsstand
Das TDA-Modell ist ein theoretisches und praxisorientiertes Analyse- und Erklärungsmodell in fortlaufender fachlicher und wissenschaftlicher Entwicklung.
Seine theoretischen Bezugspunkte liegen unter anderem in:
- Ergotherapie und Betätigungswissenschaft: Occupational Science, Person-Umwelt-Betätigungs-Modelle und Occupational Justice,
- Behinderungs- und Diversitätsforschung: soziale, relationale, menschenrechtliche und kulturelle Behinderungsmodelle, Disability Studies, Neurodiversitätsparadigma und Ableismuskritik,
- Gesellschafts- und Diskriminierungsanalyse: Intersektionalität, Queer Theory, Diskriminierungsforschung, Soziologie und Sozialpsychologie,
- Gesundheitswissenschaftlichen Perspektiven: Salutogenese, Vulnerabilitäts-Stress-Modell und Konzepte epistemischer Ungerechtigkeit.
Das TDA-Modell systematisiert diese Perspektiven in einer gemeinsamen dynamischen Darstellung.
Sein besonderer Ansatz besteht darin, nicht nur zu beschreiben, wie Behinderung aus fehlender Passung und gesellschaftlichen Barrieren entstehen kann. Es integriert zugleich:
- vorausgehende Divergenz,
- gesellschaftliche Normbildung,
- die Interaktion von Person, Umwelt und Betätigung,
- Behinderungs- und Belastungserfahrungen,
- gesellschaftliche Bewertungsprozesse,
- Ableismus,
- die daraus entstehende veränderte Ausgangslage,
- dynamische Rückkopplungsprozesse.
Dadurch verbindet das Modell die Erklärung von Divergenz, Behinderung und Ableismus innerhalb eines gemeinsamen Rückkopplungssystems.
Das TDA-Modell beansprucht derzeit keine abgeschlossene eigenständige empirische Validierung.
Die weitere Entwicklung umfasst:
- die Ausarbeitung der theoretischen Grundlagen,
- fachliche und interprofessionelle Diskussion,
- kritische Prüfung unterschiedlicher Anwendungsbereiche,
- Entwicklung konkreter Fallanalysen,
- Entwicklung eines strukturierten Analysebogens,
- mögliche spätere Entwicklung eines Assessments,
- zukünftige empirische Überprüfung.
Grenzen des Modells
Das TDA-Modell ist gegenwärtig:
- kein Diagnoseinstrument,
- kein standardisiertes Assessment,
- kein psychometrisch validiertes Messverfahren,
- kein Ersatz für medizinische, psychologische, psychotherapeutische, pädagogische oder ergotherapeutische Befunderhebung.
Das Modell erklärt nicht jede biologische, medizinische oder psychologische Ursache einer individuellen Beeinträchtigung.
Sein Fokus liegt auf dem Zusammenspiel von Divergenz, gesellschaftlichem Kontext, Normen, Passung, Person, Umwelt, Betätigung, Barrieren, Behinderungs- und Belastungserfahrungen, gesellschaftlicher Bewertung, Ableismus, Rückkopplung und Teilhabe.
Das Modell ersetzt außerdem keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Krisenintervention. In akuten Krisen können zunächst medizinische, psychotherapeutische oder andere stabilisierende Maßnahmen erforderlich sein.
Das TDA-Modell kann solche Interventionen jedoch um eine teilhabeorientierte, kontextbezogene und diskriminierungssensible Analyse ergänzen.
Kernaussage
Individuen sind nicht das Problem. Problematisch sind menschengemachte Barrieren, ausschließende und behindernde Strukturen, gesellschaftliche Abwertungsprozesse und Bedingungen, die keine ausreichende Passung ermöglichen.
Menschen müssen nicht möglichst normgerecht gemacht werden.
Umwelten können verändert werden.
Barrieren können abgebaut werden.
Ressourcen können gestärkt werden.
Gesellschaftliche Normen können reflektiert werden.
Teilhabe kann ermöglicht werden.
Das Ziel des TDA-Modells ist die Förderung voller, wirksamer und gleichberechtigter Teilhabe für alle Menschen.
Zitation und Autorenschaft
Modellautor: Maik Elliott Schwarz
Beruf: Ergotherapeut
Modellbezeichnung: TDA-Modell – Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell
Erstveröffentlichung: 2026
Entwicklungsstand: Theoretisches Modell in fortlaufender fachlicher und wissenschaftlicher Weiterentwicklung
Empfohlene Kurzbezeichnung:
TDA-Modell nach Schwarz (2026)
Empfohlene Quellenangabe:
Schwarz, M. E. (2026). TDA-Modell: Teilhabeorientiertes Divergenz- und Ableismusmodell. Maik Elliott Schwarz.
Kurzbeleg im Text:
(Schwarz, 2026)
Copyright:
© 2026 Maik Elliott Schwarz
Die inhaltliche Bezugnahme, fachliche Diskussion und korrekte Zitation des TDA-Modells sind ausdrücklich erwünscht.
Die unveränderte Modellgrafik darf nach vorheriger Rücksprache und unter vollständiger Quellenangabe für nicht kommerzielle Bildungs- und Informationszwecke geteilt werden. Bei öffentlicher Nutzung oder Veröffentlichung wird darum gebeten, den Modellautor sowie die offizielle Website zu verlinken und – soweit möglich – den zugehörigen LinkedIn- oder Instagram-Account zu markieren.
Inhaltliche Veränderungen, Bearbeitungen, verkürzte Neufassungen oder Weiterentwicklungen der Modellgrafik dürfen nicht ohne vorherige Zustimmung des Modellautors als TDA-Modell nach Schwarz veröffentlicht werden.
Die jeweils aktuelle Fassung des Modells, ergänzende Erläuterungen und zukünftige Anwendungsmaterialien werden auf der offiziellen Website des Modellautors veröffentlicht.

